
Fatigue: Warum Erschöpfung kein individuelles Problem ist
Fatigue: Warum Erschöpfung kein individuelles Problem ist – sondern ein Risiko für Unternehmen und Gesellschaft
Wenn Pilotinnen und Piloten im Cockpit schlafen, sorgt das regelmäßig für Schlagzeilen. „Schläft da wirklich jemand am Steuer?“ Die Antwort lautet: Ja – und das aus gutem Grund. Eine aktuelle Befragung der Vereinigung Cockpit unter 900 Pilot:innen zeigt, dass 93 Prozent in den letzten Monaten Napping im Cockpit genutzt haben und für 74 Prozent diese Form des Kurzschlafs inzwischen Standard ist. Während eine:r ruht, übernimmt die andere Pilot:in oder der Autopilot die Kontrolle. Wissenschaftlich ist belegt: Kurzschlaf in der Reiseflugphase kann Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Entscheidungsfähigkeit deutlich verbessern. Doch die Diskussion geht tiefer. Der Grund für die hohe Nutzung von „Controlled Rest“ im Cockpit ist nicht Bequemlichkeit, sondern eine wachsende Herausforderung: Fatigue.
Fatigue ist keine eigenständige Krankheit, sondern beschreibt einen Zustand anhaltender körperlicher und geistiger Erschöpfung, der die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. In der Luftfahrt gilt Fatigue als Sicherheitsrisiko – vergleichbar mit Alkohol oder anderen Faktoren, die die Aufmerksamkeit mindern. In der Medizin kennt man Fatigue auch als Begleiterscheinung schwerer Erkrankungen wie Krebs, Multiple Sklerose oder Depression. Im Arbeitsleben entsteht sie jedoch meist durch Schlafdefizite, unregelmäßige Arbeitszeiten, Schichtarbeit, Jetlag, Nachtarbeit, lange Schichten, Überstunden, fehlende Pausen sowie psychosozialen Druck durch Personalmangel, Verantwortung und Zeitdruck.
Zahlreiche Studien belegen, dass Erschöpfung die Fehlerquoten erhöht, Denkprozesse verlangsamt und Entscheidungen verschlechtert. In sicherheitsrelevanten Bereichen wie Luftfahrt, Medizin oder Transportwesen kann dies fatale Folgen haben. Doch auch in klassischen Unternehmen wirkt Fatigue wie ein unsichtbarer Produktivitätskiller. Konzentration und Gedächtnisleistung sinken, Kreativität und Problemlösefähigkeit nehmen ab, Unfall- und Krankheitsrisiken steigen, während Fehlzeiten und Präsentismus hohe Kosten verursachen. Der DAK Psychreport 2024 zeigt, dass jede:r dritte Beschäftigte regelmäßig unter Müdigkeit und Erschöpfung leidet. Damit ist Fatigue längst kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Risiko für Unternehmen und Gesellschaft.
Die gute Nachricht: Fatigue lässt sich managen. Entscheidend ist, dass Organisationen Verantwortung übernehmen – und nicht nur das Individuum. In der Luftfahrt gibt es seit Jahren sogenannte Fatigue Management Systeme (FMS), die Dienstpläne, Ruhezeiten und Arbeitsbelastungen regulieren. Auch Unternehmen können Arbeitszeitmodelle so gestalten, dass Leistung und Erholung im Gleichgewicht stehen. Parallel dazu spielt die Förderung von Schlafhygiene eine zentrale Rolle. Schlaf ist das wichtigste Regenerationsinstrument, und durch Schulungen zu Themen wie Schlafumgebung, Licht, Ernährung und digitale Medien lässt sich die Schlafqualität der Mitarbeitenden deutlich verbessern. Ergänzend sind Pausen- und Interventionsstrategien essenziell: Kurze Pausen, Powernaps oder flexible Ruheräume steigern die Leistungsfähigkeit, wenn sie nicht als Zeitverlust, sondern als Investition in Qualität und Sicherheit verstanden werden.
Ein weiterer Schlüssel liegt bei den Führungskräften. Sie prägen Unternehmenskultur und sind Vorbilder für ihre Teams. Wer selbst Pausen lebt und Erholung als Teil von Leistungsfähigkeit kommuniziert, setzt ein starkes Signal. Forschung zeigt klar: Fatigue erhöht Fehlerquoten, verlangsamt Reaktionszeiten und beeinflusst selbst komplexe Entscheidungen. Unternehmen, die Fatigue Management und Schlafhygiene strategisch in ihr Gesundheits- und Sicherheitskonzept integrieren, sichern nicht nur die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden, sondern auch nachhaltige Leistungsfähigkeit und Arbeitssicherheit.
Am Institut für Schlaf und Regeneration unterstützen wir Unternehmen dabei, Fatigue nicht als individuelles Problem, sondern als organisationale Herausforderung zu verstehen. Mit wissenschaftlich fundierten Programmen zu Fatigue Management, Schlafhygiene sowie Pausen- und Interventionsstrategien entwickeln wir maßgeschneiderte Lösungen, die langfristig die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden sichern. Ob im Cockpit oder im Büro: Erholte Menschen treffen die besseren Entscheidungen. Fatigue ist kein Randthema, sondern eine zentrale Frage von Gesundheit, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit. Wer sie ignoriert, riskiert Fehler, Kosten und das Vertrauen von Mitarbeitenden und Kund:innen.
Fatigue Management bedeutet, Zukunft zu sichern.



